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NvsE.de – Das Rätsel der Sandbank

Einleitung

Als 1992 die Dreharbeiten zu NvsE begannen, war das nicht das erste Mal, dass Rainer Boldt und Christoph Mattner zusammenarbeiteten: beide Namen finden sich auch im Vorspann zur Radio-Bremen-Produktion Das Rätsel der Sandbank. Aha, gleich drei Übereinstimmungen mit NvsE? Nein, es gibt noch mehr, aber dazu später.

Das Rätsel der Sandbank ist die Doppel-Verfilmung des wohl bekanntesten Romans von Erskine Childers, einem irischen Schriftsteller und passioniertem Segler. Mit etwa 334 Seiten (dt. Ausgabe, Diogenes) bewegt sich das Buch für einen Spionagethriller im Mittelfeld – Clancy & Co. produzieren häufig längere Werke –, aber die Handlung ist zu Anfang fast so verschlungen wie die Wege durchs Watt, nach denen Protagonist Arthur Davies sucht.

In den 1980ern, und erst recht bei einer TV-Produktion, waren Dreharbeiten noch echte Knochenarbeit. Es gab nur wenige Spezialeffekte (die sich im Wesentlichen auf Rückprojektionstechnik beschränkten), und das Full-HD-geübte Auge erkennt so etwas „natürlich”. Aber es ist eine Fernsehserie, keine Dokumentation, und das war nun mal der Stand der Technik. Zumal man erfreulicherweise sagen muss, dass diese Serie mit erstaunlich wenigen derartigen Effekten auskommt und sich auf die Szenen beschränkt, die zu drehen wohl ansonsten nur unter Lebensgefahr möglich gewesen wäre.

Gedreht wurden zwei Produktionen auf einmal: mit derselben Besetzung und Crew und basierend auf derselben Vorlage enstanden parallel ein Spielfilm von 128 Minuten Länge und eine ca. 500 Minuten lange Serie (10 Episoden á ca. 50 Minuten). Der Spielfilm ist kein Zusammenschnitt der Serie, sondern ein eigenständiges Werk. Dieser ist allerdings auch nicht das Thema dieser Rezension, es geht um die Serienfassung. Die Erstausstrahlung erfolgte im Sommer 1985 im ARD-Vorabendprogramm.

Handlung

Spätsommer 1904 – eine Zeit, in der die Reichsbahn noch Abteile mit drei Klassen hat, Taucheranzüge noch mit dem Schraubenschlüssel angezogen werden und, wie Moritz sagen würde, die Menschen noch an Zahnweh sterben konnten. Einen stürmischen Abends in diesem Jahr kommt ein unter englischer Flagge fahrendes Segelboot im Hafen von Bensersiel an. Die Dulcibella ist mit nur zwei Personen besetzt, von denen eine – kaum an Land – das Weite sucht. Der andere, Arthur Davies, hat keine Lust, allein auf die geplante Entenjagd zu gehen und lädt kurzerhand seinen früheren Studienkollegen Carruthers ein, im Hafen von Norderney zu ihm zu stoßen. Doch dazu kommt es nicht: auf der Suche nach Jagdgebieten hat Davies den in Deutschland lebenden schwedischen Geschäftsmann Dollmann kennengelernt, der zunächst recht abweisend reagiert, kurze Zeit später aber plötzlich Interesse an Davies zeigt – und Davies zeigt wiederum Interesse an Dollmanns Tochter Clara.

Kurzerhand lädt Dollmann den Engländer ein, mit ihm zusammen durchs Wattenmeer und über die Elbe nach Hamburg zu segeln. Eigentlich will Davies auf Carruthers warten, lässt sich aber schließlich doch breitschlagen. Auf der Überfahrt geraten beide Schiffe in einen Sturm, und so beschließt Dollmann, den kürzeren, aber gefährlicheren Weg entlang der Küste zu nehmen. Davies stimmt unter der Bedingung zu, dass Dollmann als Lotse fungiert. Doch im Sturm werden die beiden Schiffe getrennt und die Dulcibella läuft auf Grund.

Ein unglücklicher Zufall? Ein Mordanschlag, wie Davies vermutet? Aber warum sollte Dollmann ihn töten? Und welche Rolle spielt Kapitän von Brüning? Spielt die ohnehin schon angespannte Stimmung zwischen dem Kaiserreich und Großbritannien eine Rolle? Als Carruthers schließlich auf Davies trifft, hält er diesen zunächst für verrückt – zumal Davies natürlich mitnichten nur zur Entenjagd im Wattenmeer unterwegs ist. Die Tatsache, dass Carruthers auf seinen gewohnten Lebensstandard verzichten muss, macht die Sache in seinen Augen keinen Deut besser. Doch dann entwickelt er eine eigene Theorie ...

Besetzung

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Davies, Carruthers und von Brüning
(Bild: ARD Video)
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Mitte der 1980er Jahre waren einige Hauptdarsteller noch recht unbekannt, während man die Gesichter mittlerweile kennt. Aber es tauchen auch einige Namen auf, mit denen Rainer Boldt bereits vorher erfolgreich zusammengearbeitet hat, genauso wie mindestens zwei Leute, die man später bei NvsE noch einmal wiedersehen sollte:

Kritik

... zur Handlung / Umsetzung

Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass die DVD-Box hier schon eine ganze Weile herumlag, bis ich mich endlich mal herangetraut habe. Das lag nicht daran, dass ich dem Team Boldt/Mattner nicht vertraut hätte – kann es einen größeren Vertrauensbeweis geben, als einem Werk zweier Menschen eine eigene Website zu widmen – sondern an dem Stoff; der Zeit, in der er spielt und letztlich daran, dass es eine Produktion der 80er Jahre ist, die man natürlich ein wenig in ihrem Zeitgeist sehen muss. Gerade uns jüngeren Zuschauern (man sehe mir nach, dass ich mich zumindest in diesem Kontext noch dazuzähle) fehlt manchmal der Bezug.

Lässt man sich erst mal auf die Serie ein, kommen durchaus Erinnerungen hoch: das Bildformat ist 4:3, der Ton in Mono, und alles hat optisch den Charme einer 80er-Jahre-Produktion, die eine Handlung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiedergeben soll. Rainer Boldt hat die Cliffhanger an genau den richtigen Stellen gesetzt, so dass man eigentlich am Ende jeder Folge überlegt, ob man nicht doch noch die Zeit für eine weitere hat.

An verschiedenen Stellen wird darauf hingewiesen, dass das Ende der Serie von der Romanhandlung abweicht. Da ich den Roman nicht gelesen habe, fehlt mir der unmittelbare Vergleich. Das Ende ist durchaus stimmig. Unabhängig davon ist die Serie schon fast ein Muss für Segler und Freunde des Watts. Dazu ein wohldosierter Humor, der (meistens) nicht übertrieben wirkt.

... zur Besetzung

Ein paar Worte zur Besetzung: Burghart Klaußner habe ich bisher in vielen Filmen in Nebenrollen wahrgenommen, in der Regel als Vater eines der jeweiligen Protagonisten (eine Ausnahme ist natürlich Die fetten Jahre sind vorbei, 2004). Hätte mir jemand die Rolle beschrieben, wäre Klaußner nicht unbedingt meine erste Wahl gewesen; um so größer war die Überraschung, wie gut er in die Rolle hineinpasst. Auch ergänzt er sich perfekt mit Peter Sattmann, dem man den englischen Snob, der insgeheim einen Hang zum Abentuer hat und zusehends Gefallen an seiner Rolle im Spiel findet, ebenfalls abnimmt.

Dietmar Mues ist die ideale Besetzung für den zackigen, jovialen Kapitän der kaiserlichen Marine; ebenso wie Gunnar Möller in der Rolle des undurchsichtigen Kaufmanns Dollmann aufgeht. Möller gehört zu den Schauspielern, mit denen Rainer Boldt in mehreren Produktionen zusammengearbeitet hat. Und schließlich noch ein Wort zu Joachim Regelien: er hat in der ganzen Serie wohl keine zehn Sätze, ist aber häufig einfach da und in den 90ern hätte man seine Rolle wohl mit „cool” umschrieben.

Alles in allem hat Rainer Boldt bei seinen Hauptdarstellern einmal mehr ein glückliches Händchen bei der Besetzung bewiesen – mit einer kleinen Einschränkung: Isabel Varell ist meines Erachtens für diese Rolle nicht die optimale Besetzung, sie wirkt (auf mich) in einigen Szenen etwas zu überdreht.

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Cover der DVD-Box
Reihe „Große Geschichten”
(Bild: ARD Video)
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DVD-Kritik

Verpackung

Zunächst ein paar Worte zur DVD-Box selbst, an der ich gleich die größte Kritik üben muss: Digipaks mit je zwei DVDs übereinander (vier Stück insgesamt), und dazu ist das Booklet eingeklebt (kein Witz). Liebe ARD-Video: bitte noch mal üben. DVDs kann man einzeln (je Tray) verpacken, und die etwas weicheren Amarays wären wohl die bessere Wahl. Positiv denken: Fox zeigt regelmäßig, dass es mit den „Simpsons”-DVDs noch schlimmer geht, die bekommt man nämlich kaum aus der Verpackung, ohne wahlweise die DVD zu zerkratzen oder die Papphülle zu zerreißen. Dass das Booklet eingeklebt ist, liegt vermutlich daran, dass die Box selbst ohne zusätzlichen Pappschuber ausgeliefert wird. Das ist ein wenig schade, denn solche DVD-Boxen richten sich wohl weniger an ein Massenpublikum als an Sammler und Liebhaber. Andererseits gehen vermutlich eben diese sorgfältiger mit ihren DVDs um als andere Konsumenten.

Da ich ohnehin wegen des Bildmaterials beim Studio Hamburg angefragt hatte, habe ich mich kurzerhand mal nach der Verpackung erkundigt: Hintergrund des Designs ist, dass es sich bei den Titeln der Reihe Große Geschichten um Literaturverfilmungen handelt und aus daher die Verpackung insgesamt hochwertiger gestaltet ist.

Bild, Ton, Technik

Positiv fällt auf, dass gleich zu Beginn der DVDs darauf hingewiesen wird, dass das Ausgangsmaterial nicht mehr taufrisch ist und sich daher Bild- und Tonfehler in Einzelfällen nicht vermeiden ließen. Der Hinweis ist nett, aber eigentlich überflüssig: das Bild ist nicht überragend, aber auch nicht wesentlich schlechter als das der NvsE-DVDs, der Ton liegt ohnehin nur in Mono (pardon: DD 2.0 Mono) vor, das aber wiederum ohne Fehler. Natürlich war die Tontechnik insgesamt noch nicht der Hit (aus heutiger Sicht!), und wie man im Drehbericht (Bonusmaterial) erfährt, mussten alle Szenen auf offener See später nachvertont werden, weil die Motorengeräusche der Teamschiffe ansonsten zu laut waren. Und DVD hin oder her, aber letzlich sehe ich persönlich derartige Serien ähnlich wie Schallplatten: wenn es nicht hin und wieder mal knackt oder ein Fussel im Bild hängt, wenn das Bild volldigital geglättet ist, dann geht auch ein wenig Authentizität verloren.

Die Menüs sind schlicht gehalten – nur eine Ebene mit der Episodenauswahl, dazu im unteren Streifen noch einzelne Szenen. Unterlegt ist das ganze mit einem der Instrumentalstücke aus der Serie. Mir persönlich ist das lieber, als ein halbes Dutzend (am besten nicht überspringbarer) Trailer am Anfang, Anti-Raubkopierer-Spots und fünf Menüebenen, zumal auch hier ein technisch raffiniertes Menü völlig überladen gewirkt hätte.

NvsE-Parallelen

Zugegeben, „Vergleich” trifft es nicht ganz, denn bis auf ein paar Rahmendaten sind die Serien kaum vergleichbar. Aber das Rätsel war die Basis für die Zusammenarbeit der Herren Boldt und Mattner, die ja über verschiedene Umwege schließlich bei NvsE fortgesetzt wurde. Auch die Schefers haben ein eigenes Segelschiff, welches aber nur in Folge 9 (und zu Anfang der 3. Staffel) wirklich eine Rolle spielt. In besagter Folge 9 landen Pascal und Felix allerdings auch auf einer Sandbank …

In einem Punkt bin ich mir sicher: weder Christoph Mattner noch Rainer Boldt würden bestreiten, dass die Arbeit am Rätsel diese Szenen zumindest inspiriert hat. Außerdem hat man natürlich bei jeder Produktion schon einiges an Erfahrung gewonnen, warum sollte man diese nicht noch einmal umsetzen? Die beeindruckende Landschaft und der Umstand, dass man hier wirklich mal Personen allein unterbringen kann laden dazu ein.

Und die Boote? Sie haben auf jeden Fall Ähnlichkeit miteinander, identisch dürften sie aber nicht sein (es sei denn, zwischenzeitlich wurden einige Umbauten vorgenommen). Wer selbst nachschauen will: NvsE Folge 2 ab 40' 39''.

Fazit

Einschalten sollten alle, die:

... und es lassen ...

... sollten alle, die mit den obigen Punkten so gar nichts anfangen können oder für die Filmspaß erst dann anfängt, wenn das Bild in Full-HD und Cinemascope und der Ton in Dolby Surround vorliegt.

Quellen und weitere Infomationen

Auf den üblichen IMDb-Link verzichte ich an dieser Stelle, da es leider nur einen zum Film gibt. Weiterlesen kann man aber dennoch:

Verfügbar ist die DVD-Box im Shop der ARD Video, bei weiteren Online-Anbietern und im stationären Fachhandel.

Und wer das Lesen bevorzugt: das Buch gab es in zwei deutschen Ausgaben, eine hieß „Das Rätsel der Sandbank – Ein Bericht des Geheimdienstes” (Übersetzung: Hubert Deymann, Diogenes, 1975, ISBN 978-3-257-20211-3), eine andere trug den Titel „Das Rätsel von Memmert Sand” (Übersetzung: Wolfgang Gottschalk, Ullstein, 1995, ISBN 3-548-23586-7, vergriffen). Dazu noch eine Anmerkung: „Memmertsand” war bis Anfang des 20. Jahrhunderts tatsächlich die gängige Bezeichnung für die (bis heute unbewohnte) Insel Memmert.

Bilder: ARD Video, mit freundlicher Genehmigung der Studio Hamburg.


Zuletzt geändert: 25.04.2013, 01:00