Rainer Boldt

1946 – 2017

Im Mai 2008 erreichte mich eine E-Mail, von der wohl jeder Macher einer Seite wie „NvsE.de” träumt: Sie kam von Rainer Boldt, dem Regisseur der Serie. 14 Jahre, nachdem wir uns das erste Mal über den Weg gelaufen waren, aber keine zehn Worte miteinander gewechselt hatten. Aus dieser ersten Mail entwickelte sich ein sporadischer, aber interessanter und sehr persönlicher Austausch. Rainer hat sich die Zeit genommen, und anhand der Länge der Mails hatte ich den Eindruck, dass ihm der Austausch genauso viel Spaß gemacht hat wie mir.

Wäre Rainer Boldt in den letzten Jahren im Fernsehen präsenter gewesen, hätte es sicherlich häufiger das Attribut „Ausnahmeregisseur” zu Lesen gegeben. Vielleicht war er das, vielleicht war Rainer Boldt aber auch einfach nur jemand, der sich mit Leib und Seele seinem Beruf verschrieben hatte. 1946 wurde er im schleswig-holsteinischen Rendsburg geboren. Bereits als Schüler begann er mit der Arbeit an Filmen und gewann schon früh die ersten Preise. Ab Ende der 1960er Jahre studierte er an der damals frisch gegründeten dffb (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin). Fast ausschließlich arbeitete er fürs Fernsehen, und das in einer Zeit, in der TV-Regisseure häufig noch weniger Anerkennung bekommen haben als solche, die für das Kino tätig waren.

Rainer Boldt, ca. 1993 – Klick zum Vergrößern

Rainer Boldt, ca. 1993
Bild: M+K

Dabei war Rainer seit den 1970er Jahren ein fleißiger Regisseur. Unter anderem prägte er die Serie „Neues aus Uhlenbusch” mit (einschließlich des zugehörigen Films „Ich hatte einen Traum”). Aber es gab auch andere, düsterere Filme. Wie zum Beispiel „Menschenfresser”, schon von der Handlung her kontrovers, drehte er sich doch um einen Mann, dem der Mord an mehreren Kindern vorgeworden wurde. Und als der WDR seinerzeit „Im Zeichen des Kreuzes” produziert hatte – Regie: Rainer Boldt –, durfte der Film nur im 3. Programm gezeigt werden, was 1983 eine erhebliche Einschränkung war. In diesem Film wurde gezeigt, wie die Welt in der Zukunft – 1990 – aussehen könnte, wenn Teile von Deutschland atomar verseucht wären. Zwei Jahre später geschah der Tschernobyl-Vorfall, nochmals zwei Jahre später erschein ein Jugendbuch von Gudrun Pausewang mit ähnlicher Ausgangsthematik und wurde ein großer Erfolg. Manchmal ist das Leben unfair. Ich weiß nicht, ob Rainer sich darüber geärgert hat – in der Zeit war er schon mit der Serie „Hals über Kopf” beschäftigt.

Rainer gehörte zu den Regisseuren, die gern mit den gleichen Schauspielern zusammenarbeiteten. Gunnar Möller war einer davon, mit ihm drehte Rainer 1984 „Das Rätsel der Sandbank” – gleich zweimal, als Serie und als Spielfilm. Geschichten erzählen, das konnte Rainer Boldt, wie er einige Jahre später in „Nicht von schlechten Eltern” noch einmal unter Beweis gestellt hat. Neben Christoph Mattner war er der Autor, und natürlich war er Regisseur der Serie. Zu einer Zeit, als die ARD noch meilenweit vom „Heitere Krimis am Vorabend”-Einheitsbrei entfernt war, hatte Rainer genau die richtige Idee. Und natürlich das richtige Ensenble vor und hinter der Kamera (wie Rainer selbst betonte).

Doch nach dem Abschluss der Serie, nach der 3. Staffel, die nicht von allen geliebt und mit mehr Problemen produzierte wurde als ihre beiden Vorgänger, zog er sich zurück. Aus dem Filmgeschäft und aus Deutschland. Fortan lebte Rainer Boldt in Spanien. Die Kontakte zu alten Weggefährten rissen zum Teil ab (das kennt jeder), wurden vielleicht auch von der einen oder anderen Seite gekappt. Manche wurden aufrechterhalten. Neue Kontakte entstanden. Wann immer ich mit jemandem aus dem Team Kontakt hatte, ob nun Darsteller oder Crew, fast jeder erkundigte sich irgendwann, wie es Rainer gehe. Immer nur „Rainer”, es war klar, wer gemeint war.

In den letzten Tagen habe ich viele E-Mails geschrieben und manches Telefonat geführt. Wie so oft führt der Tod eines Menschen die Freunde und Weggefährten noch einmal wieder zusammen, wenigstens einen Teil und – zunächst – in diesem Falle nur virtuell. Fast jeder konnte irgend eine Anekdote beisteuern. Über einen Charakterkopf, der wusste, was er wollte. Der von seiner Crew viel verlangte, aber von sich selbst mindestens genauso viel. Der nachts um zwei oder später nach Hause kam und morgens um sieben schon wieder am Set stand.

Als 1992 die Dreharbeiten zu „Nicht von schlechten Eltern” begannen, war Rainer vermutlich noch nicht klar, dass „We Belong Together” die Ouvertüre zu einem letzten großen Werk sein würde. Meine Generation, wir damaligen Teenager, waren seinerzeit die „werbereleante Zielgruppe”. Im Gegensatz zu vielen anderen Produktionen hat uns „Nicht von schlechten Eltern” tatsächlich erreicht. Wir haben am nächsten Tag in der Schule über die Folge vom Vortag gesprochen. Somit war die Serie ein kleiner Beitrag zu dem, was unsere Generation geprägt hat. Und das kann nicht jeder von sich behaupten.

Rainer Boldt starb am 12. Juli 2017 – in Deutschland, wohin er 2013 zurückgekehrt war.

Berlin, im Juli 2017
Heiko Reddingius

Zuletzt geändert: 31.07.2017, 01:37